Monday, June 7, 2010

„Das Judenauto“ von Franz Führmann - Textbeschreibung

In dem Text „Das Judenauto“ von Franz Führmann geht es um Judenhass und die Voreingenommenheit der Menschen gegenüber einer Minderheit.

Ein kleines Mädchen verbreitet in der Schule das Gerücht von einem Judenauto. Das Judenauto sei ein gelbes Auto, in dem vier Juden mit langen scharfen Messern sitzen würden und kleine Mädchen jagen und töten. Wohl von diesem Gerücht beeinflusst, will ein kleiner Junge, neun Jahre alt, von diesem Auto verfolgt worden sein. Er erzählt davon seinen Mitschülern, die von dieser Story begeistert sind und ihn bewundern. Um ein Mädchen, in das er verliebt ist, zu beeindrucken übertreibt er ein wenig und versucht sich als mutigen, heldenhaften Burschen darzustellen. Doch genau dieses Mädchen findet heraus, dass seine Geschichte nicht ganz der Wahrheit entspricht und es stellt sich heraus, dass die Situation ganz harmlos ist und keine vier Juden mit spitzen Messern in einem gelben Auto hinter ihm her sind. Die drei Insassen eines braunen Autos sind nämlich Verwandte des Mädchens, die den kleinen Jungen lediglich nach dem Weg fragen wollen, als dieser plötzlich schreiend davonläuft. Nun steht der Junge natürlich nicht als Held da, sondern wird von den anderen verspottet. Er entwickelt einen Hass auf die Juden und gibt ihnen die Schuld für dieses Geschehnis.

Die Geschichte ist in der Ich-Perspektive geschrieben. Der Ich-Erzähler ist der kleine Junge, der von dem Judenauto angeblich verfolgt worden sein will. Der Text ist in zwei Teile gegliedert. Im ersten Teil, einer Rückblende, ist der Junge zwei und drei Jahre alt und berichtet von seinen frühsten Erinnerungen. Dann folgt ein Zeitsprung und so ist der Junge im zweiten Teil bereits neun Jahre alt. Dieser Teil, der im Sommer 1931 spielt, beinhaltet die Begegnung mit dem Judenauto sowie einen Traum des Jungen.

Die Sprache ist an und für sich leicht und gut verständlich. Allerdings treten manchmal selten gebrauchte, altertümliche Begriffe auf (z.B. Klosett, Korridor, Rossschlächterei, Schaubudenausrufer). Bei der wörtlichen Rede wird die Umgangssprache verwendet. Der Autor dieser Geschichte beschreibt die Situation und Menschen sehr genau und ausführlich. Diese Schilderung bis ins Detail gelingt ihm durch die vielseitige und häufige Verwendung verschiedenster Adjektive und Verben. Besonders auffällig ist die mehrmalige genaue Beschreibung des Judenautos und der Juden. Diese Wiederholungen kennzeichnen die Wichtigkeit dieser Einzelheiten. Überhaupt spielen in dieser Geschichte Details eine sehr große Rolle, wodurch es ratsam ist, beim Lesen besonders auf sie zu achten.

Durch die Verwendung des Konjunktivs gesteht der Autor dem Leser eine gewisse Skepsis zu und überlässt ihm die Freiheit der eigenen Meinungsbildung. Der Konjunktiv „warnt“ den Leser bzw. ermahnt ihn dazu, die Zeilen aufmerksam zu studieren und deutet ihre Bedeutsamkeit an. Der Konjunktiv wird hauptsächlich an den Stellen angewandt, an denen die Personen von dem Gerücht und dem Vorfall mit der Verfolgung des Kleinen Jungen sprechen (Beispiel: „...und alle Messer seien blutig gewesen, und vom Trittbrett habe auch Blut getropft, das hätten die Leute deutlich gesehen, und vier Mädchen hätten sie bisher geschlachtet,...“).

Der Autor zeigt mit seiner Geschichte am Beispiel des Antisemitismus wie Gerüchte verursacht bzw. verbreitet werden und auch wozu sie schließlich führen können. Die Kinder, die ja nicht viel über Juden wissen (sie kennen auch keine Juden persönlich), wissen und hören nur das, was die Erwachsenen über sie sagen. Sie schenken dem einfach Glauben und zweifeln keine Sekunde daran, dass das, was man erzählt bekommt, stimmt. Dabei ist es doch so, dass mancher Erwachsene vielleicht selbst nichts über diese Minderheit weiß und genau da liegt das Problem. In Wirklichkeit weiß niemand richtig über Juden Bescheid, es hat nämlich auch keiner einen Juden je zuvor gesehen oder sich gar mit einem unterhalten. So passiert es dann, dass man leichtgläubig wird, sich auf andere verlässt und letztendlich etwas verbreitet, wovon man im Grunde genommen selber nicht weiß, ob es wahr ist.

Der kleine Junge in dieser Geschichte wurde Opfer von den Auswirkungen eines Gerüchts. Er wurde von einem Gerücht so stark beeinflusst, das er davon völlig überzeugt war. Deshalb war es auch keine bewusste Lüge, die er in der Klasse verkündete. — Er glaubte es ja selbst! Dass so etwas nicht ganz abwegig ist, zeigt ein Beispiel auf der Medizin. Es gibt Menschen, die Bücher über eine Krankheit gelesen haben oder durch die Medien informiert worden sind und schließlich glauben, die Symptome für diese Krankheit zu erkennen. Es kann dann auch vorkommen, dass der Körper wirklich solche Symptome aufweist, nicht aber weil der Patient tatsächlich krank ist, sondern weil er so stark davon überzeugt ist. Durch diese Überzeugung können dann solche Anzeichen hervorgerufen werden. Ärzte wenden in so einem Fall sogenannte Placebos an, d.h. Mittel, die absolut harmlos, aber auch wirkungslos sind. Der Patient glaubt an diese „Medizin“ und wird „geheilt“. Dieser Vergleich soll aber keine Entschuldigung oder Entlastung für Leute sein, die Vorurteile haben. Ich möchte damit ausdrücken, dass es durchaus möglich ist, sich etwas einzureden und einzubilden, was nicht den Tatsachen entspricht.

Dieser Junge ist sogar als das Mädchen die Situation aufklärt noch so stur und überzeugt, dass er gar nicht wahrhaben will, wie es in Wahrheit war. Er reagiert trotzig. Er ist wegen der Blamage vor diesem Mädchen enttäuscht und gekränkt. Wut steigt in ihm auf und er sucht einen Schuldigen, einen Sündenbock, für das, was er sich gewissermaßen selbst zuzuschreiben hat.

Er will die Schuld einfach auf jemand anderes abwälzen. So projiziert er seinen Ärger über sich selbst und über die Tatsache, bei diesem Mädchen wohl keine Chance mehr zu haben, auf die Juden, die damit eigentlich gar nichts zu tun haben. Er entwickelt einen für uns unbegründeten Judenhass.

Die Geschichte stimmte mich aus zwei Gründen traurig.

Ich habe Mitleid mit dem kleinen Jungen empfunden, obgleich es so scheint, als wäre er selbst Schuld an der Verschärfung dieser Situation. Manche denken vielleicht, dass er aus dem Grund schuld ist, weil er gelogen hat und eben aufgeflogen ist. Nun hat er auch für die Folgen geradezustehen und muss eben die Konsequenzen daraus ziehen. Ich aber denke, dass es anders zu verstehen ist. Der Junge hat zwar gelogen, aber nicht ganz aus denselben Motiven, die einen seiner Mitschüler z.B. dazu vielleicht getrieben hätten! Damit meine ich, nur um vor anderen zu prahlen. An das dachte der Kleine jedoch in erster Linie nicht. Er war doch so verliebt und außerdem absolut davon überzeugt, dieses Judenauto gesehen zu haben bzw. von ihm verfolgt worden zu sein. Geflunkert hat der kleine Kerl nur, weil er sich keine Blöße geben wollte. Seine Absicht war lediglich seine Liebste zu beeindrucken. Ihm war nicht bewusst, das es so gar nicht stimmte, was er erzählte. Klar wusste er, dass er nicht stundenlang gejagt wurde oder nur durch tolles Hakenschlagen entkam, aber er war felsenfest davon überzeugt, dass dieses Auto, das er sah, das besagte Judenauto war. Es tut mir für den kleinen Kerl leid, dass er dann vor der ganzen Klasse gedemütigt wurde und, als ob das nicht schon schlimm genug wäre, auch noch ausgerechnet von dem Mädchen, das er so toll fand!

Der zweite Grund ist der, dass es einfach furchtbar ist, wie leichtgläubig und dumm manche Menschen sind. Und deren Voreingenommenheit gegenüber anderen Menschen ist kaum zu verstehen. So etwas ist einfach nur blöd und macht einen traurig und verbittert.